Über das Mensch-Sein – meine bisherigen Erkenntnisse

Diesen Artikel habe ich erstmals am 19. Oktober 2015 auf meine Facebook-Profil veröffentlicht. Ich habe ihn leicht überarbeitet.


Hier mal wieder ein neuer Zwischenstand davon, wie das mit dem Mensch-Sein wohl ist – also mein aktueller Zwischenstand.

Ich sehe gerade vier Schichten zwischen dem Außen und Innen, die miteinander in Kontakt stehen.

— das Außen —
> die Wahrnehmung
> die Gefühle und Emotionen
> die Bedürfnisse
> die (Löcher in der) Essenz
— das Innen —

Wahrnehmung

Ich bin mit dem Außen in Kontakt – das merke ich durch meine Sinneswahrnehmung – ich sehe, höre, schmecke, fühle, rieche – ich habe eine Vorstellung zu meiner Position, eine Vorstellung von Temperatur, spüre vielleicht gewisse Energien usw.

Gefühle/Emotionen

Diese Wahrnehmung kollidiert mit meinem Inneren und kann Gefühle/Emotionen verursachen.

Es gibt eine recht klare Unterscheidung zwischen „Gefühlen“ und „Emotionen“ – die für mich greifbarste ist: Gefühle sind im Hier und Jetzt. Emotionen sind im Damals und Dort.

Gefühle haben also mit der gerade akuten Situation zu tun, wohingegen Emotionen aufgestaut sind und eher eine Gefühls-Erinnerung sind.

Gefühle sind meine Freunde. Sie wollen mir erklären, was das Außen mit mir macht, wie die „Kollision“ zwischen meiner inneren und der äußeren Welt auf mich wirkt.

Wut sagt mir, dass etwas an der Situation nicht gut für mich ist, ich aber die Möglichkeit habe, etwas daran zu verändern – es gilt Grenzen zu setzen, meinen Bereich zu verteidigen, zu kämpfen, für mich einzutreten.

Trauer sagt, dass etwas für mich nicht gut ist, ich aber nichts daran ändern kann. Ich muss mich in der (neuen) Situation zurecht finden, sollte deshalb auch mich schauen und Selbstfürsorge betreiben.

Freude hilft mir mit Leichtigkeit in die Zukunft zu blicken. Gerade läuft es gut.
Scham hilft mir, mich in mein Umfeld einzupassen, sozial zu funktionieren und einen kritischen Blick auf mich zu werfen.

Angst versetzt mich in einen Zustand hoher Aufmerksamkeit der mir helfen kann Gefahren aus dem Weg zu gehen und in letzter Konsequenz nicht zu sterben.

Die Gefühle sind wie Hinweisleuchten (z. B. im Auto) – sie wollen mir helfen und sie werden sich so lange melde, bis ich die Botschaft endlich verarbeitet habe (… Benzin tanken).
Gefühle können manchmal sehr anstrengend sein – dann kann es hilfreich sein sie eine Weile lang weg zu blenden (z. B. durch emotionales Essen, Medienkonsum, Masturbation/Sex, besonders intensives Nachdenken, Provokation anderer Gefühle …). Gefühle dauerhaft zu „überkleben“ (um in der Metapher der Hinweisleuchten zu bleiben) ist langfristig keine gute Idee. Einerseits kann es sein, dass in dir irgendwas kaputt geht, dass du leicht hättest in Ordnung bringen können (vgl. chronische psychisches oder physisches Beschwerden) und andererseits kannst du eine Abhängigkeit von dem Dämpfstoff entwicklen – weil es nicht aushaltbar wäre die Gefühle darunter zu fühlen – willkommen in der Sucht.

Bedürfnisse

Meine Gefühle weisen mich auf meine Bedürfnisse hin.
Da ich kein geschlossenes System bin, brauche ich eine Umgebung, in der ich gut gedeihen kann. Ich habe den Bedarf/das Bedürfnis genährt zu werden.

Wut hilft mir großartig, wenn meine Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Wut sagt: „ändere was“ – wenn Wut zu lange ignoriert wird, kommt Trauer: „ok, dann muss ich mich jetzt damit abfinden.“
Ich speziell habe ein großes Bedürfnis nach Ruhe. Daneben das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach einer sinnvollen Tätigkeit, nach Entwicklung und Wachstum, nach körperlicher Begegnung, nach Sicherheit …
Ich habe ein paar dauerhafte Bedürfnisse, die ich fast immer spüren kann.
Daneben habe ich im Hier und Jetzt spezielle Bedürfnisse. Sowas wie Hunger und Durst.
So wie sich bei den Gefühlen das meiste auf ein paar Grundgefühle zurückleiten lässt, lassen sich die meisten Bedürfnisse auch auf ein paar Grundbedürfnisse zurück führen.
Aus dem bloßen Mensch-Sein ergeben sich viele Bedürfnisse, wir gemeinsam haben werden. Daneben habe ich – genau so wie du – ein paar Bedürfnisse, die deutlich stärker ausgeprägt sind als bei anderen.

Diese Bedürfnisse stammen von unseren Löchern.

(Löcher in der) Essenz

Was „Essenz“ ist, habe ich noch nicht wirklich verstanden. Die Theorie der Löcher von Almaas wirkt mir aber so hilfreich, dass ich davon ausgehen mag, dass es sie gibt.
Ich verstehe Almaas so, dass wir alle aus Essenz bestehen oder Essenz sind. Das ist unser Grundstoff – das Grundbaumaterial des Seins.
Vielleicht ist das das selbe, dass in anderen spirituellen Richtungen „Liebe“, „Bewusstsein“, „Bewusstheit“, „Gott“ oder „das Alles“ genannt wird.

In meiner (und vermutlich auch in deiner) Entwicklung gab es immer mal wieder Situationen, in denen was nicht ganz reibungslos lief. In solchen Situationen entstehen Löcher in der Essenz. Ich vermute, dass Erfahrungen, die wir als Trauma bezeichnen, Ursachen für Löcher sind. Ich weiß aber noch nicht ganz, was alles Ursachen für Löcher sein könnten.

Wo Löcher sind, ist der normale Fluss gehindert und es fühlt sich ungut an.
Der klassische Umgang mit Löchern ist sie zu füllen (oder drastischer: sie mit etwas zu stopfen). Wo erst nur keine Essenz war, ist jetzt allerlei anders Zeug.
Allerhand Ideen, Vorlieben, Vorstellungen, Glaubenssätze und ganz besonders auch unsere Süchte. Alkohol, Essen, Medienkonsum, sexuelles Entertainment und vieles mehr ist sehr praktisch um Löcher zu füllen.

Almaas sagt, dass das, was wir als „Persönlichkeit“ kennen, eigentlich Loch-Füllmaterial ist. Das sind Verhaltensmuster, Tätigkeiten usw. die wir so sehr als Loch-Füllmittel etabliert haben, dass wir sie uns zu eigen gemacht haben und als Teil von uns verstehen. „So bin ich halt.“
Unsere Bedürfnisse weisen uns auf unsere Löcher hin. Gerade starke Bedürfnisse, die schwer zu erklären sind, sind sehr spannende Hinweise.

Großartig wäre es, die Löcher wieder mit Essenz aufzufüllen. Dafür müssen sie aber erst mal leer gemacht werden. Sobald die Löcher aber nicht mehr zugestopft sind, können sie gefühlwerden. Und Löcher in der Essenz zu spüren, ist erstmal unglaublich schmerzhaft – deshalb stopfen wir sie intuitiv auch direkt wieder mit was zu.
Almaas sagt, dass der Schmerz schnell vergeht. Ist das Loch erstmal leer, dann ist da erstmal eine große Leeregefühl – ein sehr schmerzvolle Erfahrung – aber dann kann Essenz das Loch auffüllen.
Das ist Heilung. Die Löcher in der Essenz füllen sich mit Essenz.

Was dann passieren mag, weiß ich nicht.
Aber das ist dann vielleicht irgendwann der Zustand, in dem wirklich kein Ego mehr nötig ist – in dem Verbundenheit und Ganzheit da ist.
Die größte zwischenmenschliche Verbundenheit, die ich mir im Moment vorstellen kann, ist, wenn ich Zeuge werden darf, wie jemand seine/ihre Löcher fühlt. Es aushält, dass da keine Essenz ist. Nicht versucht sie mit was anderem zu füllen.

In meiner Vorstellung, ist es meine Aufgabe, meine Löcher in der Essenz wieder mit Essenz zu füllen. Und in meiner Vorstellung ist es deine Aufgabe, die Löcher in deiner Essenz wieder mit Essenz zu füllen.

Almaas sagt, dass Menschen sich oft Menschen suchen, um sich gegenseitig die Löcher zu füllen (z. B. indem man Sex hat – oder sich auf andere Weise miteinander ablenkt).
Wenn solche Beziehungen dann auseinander gehen, ist der resultierende Schmerz zu einem Teil, das Vermissen der anderen Person. Daneben ist es aber auch der Schmerz, der daraus resultiert, dass die Löcher plötzlich nicht mehr durch die andere Person gefüllt sind und dass plötzlich die starken Empfindungen da sind, die durch die Löcher in der Essenz entstehen.
Toller wäre es Menschen zu finden, mit denen man gemeinsam seine Löcher fühlen kann. Gemeinsam, nebeneinander wieder heiler wird.
Viele Menschen steigen aber bereits bei alltäglichen Gefühlen aus dem Ich-Kontakt aus.

Wenn ich nicht hören will, was die Gefühl mir zu sagen habe, wie soll ich dann meine Bedürfnisse kennen lernen?
Wenn ich meine Bedürfnisse nicht kenne, wie soll ich die Löcher in meiner Essenz verstehen lernen.
Und ohne die Löcher zu kennen, wird es schwer, sie frei zu schaufeln indem Ersatzhandlungen bewusst vermieden werden.

Löcher erkennen, Löcher leeren, Löcher bewusst wahrnehmen und die Essenz hinein fließen lassen.


Jetzt, wo ich diesen Text erneut veröffentliche, merke ich, dass ich mich schon länger nicht mit der Theorie der Löcher beschäftigt habe, sie aber weiterhin sehr spannend finde. 

Daneben habe ich ein paar neue Sachen entdeckt, die wert wären eingepflegt zu werden: 
– Glaubenssätze; tatsächlich nehmen wir die Welt garnicht wirklich war. Unsere Sinneswahrnehmungen werden direkt mit Bedeutung angereichert und laufen durch unseren Filter an Glaubenssätzen „was von dem gesehen kann mir beweisen, dass ich immer noch ein ganz schlechter Mensch bin?“
– In den Kommentaren zu meinem Artikel über Intimität kam die Frage auf, was wir da hinter den Schutzmauern verbergen – vielleicht die Löcher?
– Nicht ausgedrückte Gefühle lagern sich im Körper an. Es wäre spannend zu ergründen, wie das in das Mensch-Sein mit rein spielt. 

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Sebastian

Sebastian ist Forscher und Suchender. Hier schreibt er, was er auf seiner Reise durch diese Leben schon alles entdeckt hat. Manchmal sind es gute Erkenntnisse, manchmal nur spannende Fragen. Auf dem Weg zu mehr Klarheit.

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