Über das Mensch-Sein – meine bisherigen Erkenntnisse

Diesen Artikel habe ich erstmals am 19. Oktober 2015 auf meine Facebook-Profil veröffentlicht. Ich habe ihn leicht überarbeitet.


Hier mal wieder ein neuer Zwischenstand davon, wie das mit dem Mensch-Sein wohl ist – also mein aktueller Zwischenstand.

Ich sehe gerade vier Schichten zwischen dem Außen und Innen, die miteinander in Kontakt stehen.

— das Außen —
> die Wahrnehmung
> die Gefühle und Emotionen
> die Bedürfnisse
> die (Löcher in der) Essenz
— das Innen —

Wahrnehmung

Ich bin mit dem Außen in Kontakt – das merke ich durch meine Sinneswahrnehmung – ich sehe, höre, schmecke, fühle, rieche – ich habe eine Vorstellung zu meiner Position, eine Vorstellung von Temperatur, spüre vielleicht gewisse Energien usw.

Gefühle/Emotionen

Diese Wahrnehmung kollidiert mit meinem Inneren und kann Gefühle/Emotionen verursachen.

Es gibt eine recht klare Unterscheidung zwischen „Gefühlen“ und „Emotionen“ – die für mich greifbarste ist: Gefühle sind im Hier und Jetzt. Emotionen sind im Damals und Dort.

Gefühle haben also mit der gerade akuten Situation zu tun, wohingegen Emotionen aufgestaut sind und eher eine Gefühls-Erinnerung sind.

Gefühle sind meine Freunde. Sie wollen mir erklären, was das Außen mit mir macht, wie die „Kollision“ zwischen meiner inneren und der äußeren Welt auf mich wirkt.

Wut sagt mir, dass etwas an der Situation nicht gut für mich ist, ich aber die Möglichkeit habe, etwas daran zu verändern – es gilt Grenzen zu setzen, meinen Bereich zu verteidigen, zu kämpfen, für mich einzutreten.

Trauer sagt, dass etwas für mich nicht gut ist, ich aber nichts daran ändern kann. Ich muss mich in der (neuen) Situation zurecht finden, sollte deshalb auch mich schauen und Selbstfürsorge betreiben.

Freude hilft mir mit Leichtigkeit in die Zukunft zu blicken. Gerade läuft es gut.
Scham hilft mir, mich in mein Umfeld einzupassen, sozial zu funktionieren und einen kritischen Blick auf mich zu werfen.

Angst versetzt mich in einen Zustand hoher Aufmerksamkeit der mir helfen kann Gefahren aus dem Weg zu gehen und in letzter Konsequenz nicht zu sterben.

Die Gefühle sind wie Hinweisleuchten (z. B. im Auto) – sie wollen mir helfen und sie werden sich so lange melde, bis ich die Botschaft endlich verarbeitet habe (… Benzin tanken).
Gefühle können manchmal sehr anstrengend sein – dann kann es hilfreich sein sie eine Weile lang weg zu blenden (z. B. durch emotionales Essen, Medienkonsum, Masturbation/Sex, besonders intensives Nachdenken, Provokation anderer Gefühle …). Gefühle dauerhaft zu „überkleben“ (um in der Metapher der Hinweisleuchten zu bleiben) ist langfristig keine gute Idee. Einerseits kann es sein, dass in dir irgendwas kaputt geht, dass du leicht hättest in Ordnung bringen können (vgl. chronische psychisches oder physisches Beschwerden) und andererseits kannst du eine Abhängigkeit von dem Dämpfstoff entwicklen – weil es nicht aushaltbar wäre die Gefühle darunter zu fühlen – willkommen in der Sucht.

Bedürfnisse

Meine Gefühle weisen mich auf meine Bedürfnisse hin.
Da ich kein geschlossenes System bin, brauche ich eine Umgebung, in der ich gut gedeihen kann. Ich habe den Bedarf/das Bedürfnis genährt zu werden.

Wut hilft mir großartig, wenn meine Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Wut sagt: „ändere was“ – wenn Wut zu lange ignoriert wird, kommt Trauer: „ok, dann muss ich mich jetzt damit abfinden.“
Ich speziell habe ein großes Bedürfnis nach Ruhe. Daneben das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach einer sinnvollen Tätigkeit, nach Entwicklung und Wachstum, nach körperlicher Begegnung, nach Sicherheit …
Ich habe ein paar dauerhafte Bedürfnisse, die ich fast immer spüren kann.
Daneben habe ich im Hier und Jetzt spezielle Bedürfnisse. Sowas wie Hunger und Durst.
So wie sich bei den Gefühlen das meiste auf ein paar Grundgefühle zurückleiten lässt, lassen sich die meisten Bedürfnisse auch auf ein paar Grundbedürfnisse zurück führen.
Aus dem bloßen Mensch-Sein ergeben sich viele Bedürfnisse, wir gemeinsam haben werden. Daneben habe ich – genau so wie du – ein paar Bedürfnisse, die deutlich stärker ausgeprägt sind als bei anderen.

Diese Bedürfnisse stammen von unseren Löchern.

(Löcher in der) Essenz

Was „Essenz“ ist, habe ich noch nicht wirklich verstanden. Die Theorie der Löcher von Almaas wirkt mir aber so hilfreich, dass ich davon ausgehen mag, dass es sie gibt.
Ich verstehe Almaas so, dass wir alle aus Essenz bestehen oder Essenz sind. Das ist unser Grundstoff – das Grundbaumaterial des Seins.
Vielleicht ist das das selbe, dass in anderen spirituellen Richtungen „Liebe“, „Bewusstsein“, „Bewusstheit“, „Gott“ oder „das Alles“ genannt wird.

In meiner (und vermutlich auch in deiner) Entwicklung gab es immer mal wieder Situationen, in denen was nicht ganz reibungslos lief. In solchen Situationen entstehen Löcher in der Essenz. Ich vermute, dass Erfahrungen, die wir als Trauma bezeichnen, Ursachen für Löcher sind. Ich weiß aber noch nicht ganz, was alles Ursachen für Löcher sein könnten.

Wo Löcher sind, ist der normale Fluss gehindert und es fühlt sich ungut an.
Der klassische Umgang mit Löchern ist sie zu füllen (oder drastischer: sie mit etwas zu stopfen). Wo erst nur keine Essenz war, ist jetzt allerlei anders Zeug.
Allerhand Ideen, Vorlieben, Vorstellungen, Glaubenssätze und ganz besonders auch unsere Süchte. Alkohol, Essen, Medienkonsum, sexuelles Entertainment und vieles mehr ist sehr praktisch um Löcher zu füllen.

Almaas sagt, dass das, was wir als „Persönlichkeit“ kennen, eigentlich Loch-Füllmaterial ist. Das sind Verhaltensmuster, Tätigkeiten usw. die wir so sehr als Loch-Füllmittel etabliert haben, dass wir sie uns zu eigen gemacht haben und als Teil von uns verstehen. „So bin ich halt.“
Unsere Bedürfnisse weisen uns auf unsere Löcher hin. Gerade starke Bedürfnisse, die schwer zu erklären sind, sind sehr spannende Hinweise.

Großartig wäre es, die Löcher wieder mit Essenz aufzufüllen. Dafür müssen sie aber erst mal leer gemacht werden. Sobald die Löcher aber nicht mehr zugestopft sind, können sie gefühlwerden. Und Löcher in der Essenz zu spüren, ist erstmal unglaublich schmerzhaft – deshalb stopfen wir sie intuitiv auch direkt wieder mit was zu.
Almaas sagt, dass der Schmerz schnell vergeht. Ist das Loch erstmal leer, dann ist da erstmal eine große Leeregefühl – ein sehr schmerzvolle Erfahrung – aber dann kann Essenz das Loch auffüllen.
Das ist Heilung. Die Löcher in der Essenz füllen sich mit Essenz.

Was dann passieren mag, weiß ich nicht.
Aber das ist dann vielleicht irgendwann der Zustand, in dem wirklich kein Ego mehr nötig ist – in dem Verbundenheit und Ganzheit da ist.
Die größte zwischenmenschliche Verbundenheit, die ich mir im Moment vorstellen kann, ist, wenn ich Zeuge werden darf, wie jemand seine/ihre Löcher fühlt. Es aushält, dass da keine Essenz ist. Nicht versucht sie mit was anderem zu füllen.

In meiner Vorstellung, ist es meine Aufgabe, meine Löcher in der Essenz wieder mit Essenz zu füllen. Und in meiner Vorstellung ist es deine Aufgabe, die Löcher in deiner Essenz wieder mit Essenz zu füllen.

Almaas sagt, dass Menschen sich oft Menschen suchen, um sich gegenseitig die Löcher zu füllen (z. B. indem man Sex hat – oder sich auf andere Weise miteinander ablenkt).
Wenn solche Beziehungen dann auseinander gehen, ist der resultierende Schmerz zu einem Teil, das Vermissen der anderen Person. Daneben ist es aber auch der Schmerz, der daraus resultiert, dass die Löcher plötzlich nicht mehr durch die andere Person gefüllt sind und dass plötzlich die starken Empfindungen da sind, die durch die Löcher in der Essenz entstehen.
Toller wäre es Menschen zu finden, mit denen man gemeinsam seine Löcher fühlen kann. Gemeinsam, nebeneinander wieder heiler wird.
Viele Menschen steigen aber bereits bei alltäglichen Gefühlen aus dem Ich-Kontakt aus.

Wenn ich nicht hören will, was die Gefühl mir zu sagen habe, wie soll ich dann meine Bedürfnisse kennen lernen?
Wenn ich meine Bedürfnisse nicht kenne, wie soll ich die Löcher in meiner Essenz verstehen lernen.
Und ohne die Löcher zu kennen, wird es schwer, sie frei zu schaufeln indem Ersatzhandlungen bewusst vermieden werden.

Löcher erkennen, Löcher leeren, Löcher bewusst wahrnehmen und die Essenz hinein fließen lassen.


Jetzt, wo ich diesen Text erneut veröffentliche, merke ich, dass ich mich schon länger nicht mit der Theorie der Löcher beschäftigt habe, sie aber weiterhin sehr spannend finde. 

Daneben habe ich ein paar neue Sachen entdeckt, die wert wären eingepflegt zu werden: 
– Glaubenssätze; tatsächlich nehmen wir die Welt garnicht wirklich war. Unsere Sinneswahrnehmungen werden direkt mit Bedeutung angereichert und laufen durch unseren Filter an Glaubenssätzen „was von dem gesehen kann mir beweisen, dass ich immer noch ein ganz schlechter Mensch bin?“
– In den Kommentaren zu meinem Artikel über Intimität kam die Frage auf, was wir da hinter den Schutzmauern verbergen – vielleicht die Löcher?
– Nicht ausgedrückte Gefühle lagern sich im Körper an. Es wäre spannend zu ergründen, wie das in das Mensch-Sein mit rein spielt. 

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Zwischenstand als Forscher des Lebens

Folgenden Artikel habe ich erstmals am 14. November 2014 auf meinem Facebook-Profil veröffentlicht.
Weil er viele Erkenntnisse zusammenfasst, veröffentliche ich ihn hier nochmal in leicht überarbeiteter Version


Im Kontakt mit sich selbst ist Selbstliebe das Ziel, dass es zu erreichen gilt.
Also ein Zustand der Selbstannahme.
Dazu gibt es viele Übungen und ein Teil des Weges dort hin wird sein, sich mit allerlei Dingen auseinander zu setzen, die gerade noch verhindern, dass du dich frei entfalten kannst.

Im Kontakt mit anderen ist Intimität das Ziel. Ein intimer Umgang ist eine Kommunikationsweise, die durch Verletzlichkeit getragen ist.
Menschen zeigen sich gegenseitig ihre schwächsten Seiten und erkennen sich damit an.
Durch einen intimen Umgang kann großes Vertrauen entstehen. „Ich habe ihm/ihr meine schwächsten Seiten und meine größten Zweifel offenbart, und er/sie hat sich nicht von mir abgewendet.“
In unserer Gesellschaft lässt sich Intimität am einfachsten über Sexualität herstellen – weil die meisten von uns große Unsicherheiten und Themen im Dunkeln in diesem Bereich haben. Also z. B. ein wackeliges Körperbild, Scham vor der eigenen Sexualität, Schuldgefühle für die eigenen sexuellen Wünsche oder Unklarheiten über (sexuelle) Gefühle.

Sowohl im Kontakt mit sich selbst, als auch mit anderen, ist Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ein wichtiges Hilfsmittel.
Lass Höflichkeit sein, nimm die Masken ab und zeige dich so, wie du bist (so weit das geht und insofern du dich selbst schon kennst).

Wenn du etwas an der Gesellschaft verändern willst:
Hör auf zu kritisieren und gründe statt dessen eine Gemeinschaft.
Fang an Inseln zu erschaffen, in denen anders gelebt werden kann. Sei es eine WG, in der anders zusammen gewohnt wird, sei es ein Seminar, in dem die Teilnehmer_innen andere Möglichkeiten haben, sei es eine Lokalität, in der andere Werte gelebt werden.
Meisle die neuen Werte in die „DNS“ der neuen Gemeinschaft ein und verbreite sie, indem die Gemeinschaft eine eigene Kultur ausbildet.

Menschen sehnen sich nach physischen und psychischen Orten, an dem sie intimen Kontakt pflegen dürfen (körperlich, gedanklich, emotional, spirtuell). Ich glaube, das gilt für alle Menschen – manche spüren das, manche sind zu gepanzert.
Und viele, die das nicht bewusst spüren, handeln unbewusst danach – und schaffen sich Orte, an denen sie kompensatorischen Kontakt haben können.

Ein großer Teil menschlichen Handelns ist kompensatorisch.
Der Mangel an innermenschlicher und zwischenmenschlicher Nähe wird als Mangel in der Welt begriffen und so wird ein Leben geführt, dass darauf ausgerichtet ist, diesen Mangel zu füllen.
Oder es wird an Sicherheit geglaubt (die es nicht gibt; niemals) und es wird versucht an dieser Sicherheit fest zu halten.

Nur der Kopf kann an etwas fest halten – der Körper weiß, dass das „Jetzt“ von in ein paar Momenten, komplett anders ist als das „Jetzt“ von vorher.
Der Fokus sollte also vom Kopf in den Körper wandern.

Der Körper ist auch die Spielfläche der Emotionen und Gefühle. Gefühle sind unsere Freunde – sie sind Wegweiser und Leitplanken.

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Intimität – meine vorläufigen Forschungsergebnisse

Diesen Artikel habe ich erstmals am 4. Mai 2014 auf meinem alten Blog veröffentlicht.
Ich habe ihn leicht überarbeitet. 


Im Rahmen meiner Forschung zum Erfahrungsfeld „Sex“ bin ich auf ein sehr spannendes weiteres Erfahrungsfeld gestoßen: „Intimität“

Mir ist noch nicht so ganz klar, was es mit Intimität auf sich hat, aber ich will hier mal meinen Zwischenstand festhalten.

Sex und Intimität

Eine recht geläufige Umschreibung für „Sex miteinander haben“ ist „miteinander intim werden“ – so bin ich auf das Thema gekommen.
So wie „miteinander schlafen“ nur grob ausdrückt, was da passiert, scheint es mir auch bei „miteinander intim werden“ zu sein.
Ich glaube, dass Sex und Intimität nicht notwendigerweise was miteinander zu tun haben. Sex kann eine intime Begegnung ermöglichen – macht das aber nicht notwendigerweise. Und neben Sex gibt es wohl noch eine Vielzahl andere Möglichkeiten Intimität miteinander zu teilen.

„körperliche Intimität“

Sex ist eine Weise sich körperlich intim zu begegnen. Ich glaube, dass es die Möglichkeit gibt, sich in allen vier Dimensionen intim zu begegnen.

Deshalb will ich versuchen intime Begegnungen in der körperlichen Dimension klar als „körperliche Intimität“ zu bezeichnen, um mich daran zu erinnern, dass es auch sowas wie „geistige“, „gedankliche“ und „emotionale Intimität“ gibt.

Was ist Intimität?

Gelebte Intimität ist ein Zustand der Verbundenheit.
Wenn du spirituellen Ideen gegenüber aufgeschlossen bist, kennst du bestimmt die Idee, dass alles eigentlich eins ist. Eine intime Begegnung ist ein Hauch von diesem Eins-Sein-Zustand.

Menschen, die nicht zufällig erleuchtet sind, werden sich als Individuum wahrnehmen – so ist es jedenfalls bei mir.
Es fühlt sich für mich so an, als wäre ich alleine in meinem Körper und in meinen Gedanken. Abgetrennt von allen anderen Menschen.
Es gibt mein „Ich“ und es gibt noch ganz viele andere „Ichs“ da draußen; die nebeneinander existieren, aber miteinander wenig zu tun haben.

Ich glaube, dass das, was wir als Intimität bezeichnen, ein Schimmer von Verbundenheit ist, den wir erfahren, wenn wir es zulassen, ein bisschen weniger „Ich“ und ein bisschen mehr „Wir“ zu sein.

Neben den sichtbaren Grenzen unseres „Ichs“, gibt es noch unsichtbare Grenzen – die Grenzen unserer „Privatsphäre“.
In der körperlichen Dimension gibt es einen gewissen Abstand, der von fremden Menschen nicht unterschritten werden darf – sonst fühlen wir uns unwohl. Vertrautere Menschen dürfen vielleicht sogar Körperkontakt aufnehmen. Einige Körperstellen sind dabei „erlaubt“ und andere „verboten“ (Hände schütteln ist z. B. sehr neutral; Berührungen an den Unterarmen und am Rücken sind ok; Berührungen am Kopf, dem Bauch und dem Intimbereich sind aber nur wenigen Menschen vorbehalten).

In der gedanklichen und emotionalen Dimension gibt es Geschichten und Gedanken, die wir frei und offen erzählen und andere, die viel Vertrauen voraussetzen und nur selten oder nie geteilt werden.

Diese Privatsphäre ist unser Schutzbereich. Um den Bereich zu schützen bauen wir Mauern auf. Das kann z. B. ein aufgesetztes Lächeln sein, dass Trauer überspielt. Das können Floskeln sein, mit denen Fragen zu „privaten“ Themen überspielt werden. Das kann auch die Entfremdung vom eigenen Körper sein, um Berührungen als etwas anders werten zu können.

Es geht darum, nicht verletzlich zu sein und das „Ich“ zu schützen, um nicht verloren zu gehen.

Wenn diese Mauern gewaltvoll von außen eingerissen werden, dann ist das ein grausamer Übergriff. So ein Übergriff wird in gewissen Fällen als „Vergewaltigung“ bezeichnet – z. B. als körperlich-sexuelle Vergewaltigung. Übergriffe können aber auch in den drei anderen Dimensionen passieren.

Werden die Mauern aber friedvoll, von innen, aufgebrochen – ein Tor geöffnet – dann empfinden wir das als intime Begegnung.

Für eine intime Begegnung ist Mut nötig und Vertrauen. Wir machen uns Verletzlich und angreifbar. Wer weiß schon, ob nicht jemand ein trojanisches Pferd durch unser Tor schieben will und danach etwas schreckliches mit dem bisher gut geschützten „Ich“ anstellen wird.

Zu dem Zweck ist unsere Schutzmauer, wie die Schalen von Zwiebeln in vielen Schichten aufgebaut. Es wird Stück für Stück getestet, wie weit man Menschen an sich heran lassen will.

Je weniger Mauern zwischen den beiden „Ichs“ stehen, um so mehr „Wir“ kann stattfinden.

Intimität ist dabei keine „Ja-Nein“-Sache, sondern eine Skala vom „Ich“ zum „Wir“. Je mehr das „Wir“ zugelassen werden kann, um so intimer ist die Begegnung.
Besonders eindrucksvoll sind dabei Situationen, in denen die Intimität zunimmt. Wenn wir mit einer Person gerade neue Tore öffnen können.
Das ist oft aufregender, als Begegnungen mit Menschen, mit denen wir schon lange deutlich mehr Intimität teilen.
(vgl. dazu: Die ersten Küsse mit einer Person im Gegensatz zu dem routinierten nackt nebeneinander Zähne-Putzen und vor einander Pinkeln. Die zweite Situation erfordert sicher mehr Vertrautheit – die erste ist aber aufregender)

Beispiele für intime Begegnungen

Für viele Menschen ist gemeinsame Nacktheit etwas intimes. Die Schutzmauern aus Stoff wurden bei Seite gelegt und die Makel und Unperfektheiten der Körper werden sichtbar.
Durch Berührungen kann weiter die nun sichtbare Schutzschicht aus Haut erkundet werden.

Sex kann körperlich, aber auch emotional sehr intim sein. Nacktheit trifft auf große körperliche Nähe. Berührungen können tiefe Emotionen auslösen und mit gesteigerter Erregung wird es immer schwerer Masken auf zu behalten.

Ein intensiver Austausch von Ideen und Wünschen kann ein tiefes Gefühl der Geborgenheit hervorrufen. „Endlich jemand, der_die mich versteht.“
Auch „simple“ Ehrlichkeit in Situationen, in denen wir gewohnt sich die Unwahrheit zu erzählen, kann schon sehr intim sein.

Geborgenheit ist etwas, das meist mit geteilter Intimität einhergeht – nachdem Scham, Schuld, Unsicherheit und Zweifel überwunden wurden.

Intimität üben

Wie wohl fast alles, lässt sich auch Intimität üben.
Es lässt sich üben mit weniger Mauern aus zu kommen und mehr Vertrauen aufzubringen, um Tore zu öffnen.

Ich habe z. B. in den letzten beiden Jahren enorme Fortschritte gemacht mit meinem und fremden Körpern umzugehen. Früher wäre es fast undenkbar für mich gewesen mit jemandem entspannt und fröhlich Nacktheit zu teilen – inzwischen kann ich das sehr genießen.
Dadurch fällt es mir jetzt viel leichter ohne Schutzmauern aus Stoff auszukommen und auf die Weise in Kontakt zu gehen.

Auch in der gedanklichen und emotionalen Dimension habe ich mich an deutlich mehr Offenheit und Vertrauen gewöhnt und kann dadurch leichter Tore öffnen und Zugang zu Erfahrungen, Wünschen, Kränkungen und Bedürfnissen gewähren.

Dadurch, dass ich mit weniger Schutzschichten auskomme, fällt es auch den Menschen, mit denen ich in Kontakt gehe, leichter ihre Tore zu öffnen.
Es fühlt sich viel angenehmer an nackt zu sein (körperlich, aber auch geistig), wenn die andere Person bereits nackt, statt in Wintermontur bekleidet ist.

Bei intimen Begegnungen mit anderen geht es darum, ob das Vertrauen der anderen Person gegenüber ausreicht.
Wenn du aber grundsätzlich in der Lage sein willst intimere Begegnungen auszuhalten, dann geht es um Vertrauen zu sich selbst und dem Leben.
Es geht mal wieder um Selbstliebe …

Intimität mit sich selbst

Je vollständiger du dich selbst annehmen kannst, um so intimer ist dein Kontakt mit dir selbst. Das Erreichen einer neuen Tiefe, kann ein sehr intimer Moment sein.

Wenn du z. B. lernst mit deiner eigenen Nacktheit umzugehen, dich liebevoll selbst zu berühren, über lang gehegte Verletzungen weinst, lernst deine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen oder zum ersten Mal Grenzen setzt, die dich von anderen Menschen entfernen, dich dir selbst aber näher bringen.

Das Maß an gelebter Selbstliebe und das Maß an gelebter Intimität hängen vermutlich stark miteinander zusammen.
Je mehr du dir erlaubst so zu sein, wie du bist, je mehr bist du auch in der Lage dich so zu sehen, wie du bist – und je mehr kannst du es anderen Menschen erlauben dich so zu sehen.
Ohne diese Erlaubnis kannst du zwar Dinge machen, die scheinbar intim sind. Dann wirst du dabei aber vielleicht dissoziieren, also dich von dir selbst entfernen – dann ist zwar die Begegnung irgendwie näher an deinem Kern, aber du bist nicht mehr dort. Es gibt also kein Verbundenheitsgefühl.

Intimität mit mehreren Personen

Die meisten Menschen streben wohl nach Intimität. Dabei wird aber häufig an eine Zweier-Beziehung (Partnerschaft) gedacht. Also eine einzige Person, mit der ein großes Maß an Intimität geteilt wird.

Ich glaube, dass es schön ist, mit möglichst vielen Menschen möglichst intim zu sein. Das würde heißen, dass man vielen Menschen nah ist und sich vielen Menschen gegenüber authentisch(er) und vollständig(er) zeigen kann.
Gemeint ist dabei körperliche, geistige, emotionale und/oder gedankliche Intimität.
Wieso sollte Intimität nicht aus einer Haltung der Fülle heraus gelebt werden?

Mir ist allerdings noch nicht so ganz klar, was genau von den Schutzmauern geschützt werden soll – das innere Kind vielleicht? Möglicherweise ist es auch gut, da nicht so viele Leute hin zu lassen.
Ich vermute aber, dass das auch eine Sache von Übung und Vertrauen ist und es um so einfacher wird mit mehren Menschen nah zu sein, je vollständiger man mit sich selbst im Reinen ist.
Je weniger Mauern du grundsätzlich brauchst, um so leichter kannst du mit weiteren Menschen in Kontakt gehen.

Spannend finde ich auch die Frage, in wie fern es möglich ist, mit mehr als einer Person gleichzeitig intime Begegnungen zu erleben.

Folgendes könnten Beispiele dafür sein:
Intensive Gespräche im Freundeskreis, gemeinsame Kuschelrunden, sexuelle „Dreier“ und „Vierer“, Wohngemeinschaften und kleine Unternehmen, in denen eine gemeinsame Vision verfolgt wird.
Es mag aber sein, dass manche intime Tiefen am leichtesten zu zweit erreicht werden können.

Hilf mir bei meiner Forschungsarbeit

Hast du weitere Gedanken zum Thema Intimität?
Wodurch wird es leichter oder schwerer Intimität zu teilen?
Welche Beispiele kennst du für intime Begegnungen die in der gedanklichen, emotionalen und/oder geistigen Dimension statt gefunden haben?


Ein Wort, dass ich beim Überarbeiten des alten Artikels vermisse ist „Verletzlichkeit“.
Die Bereitschaft verletzt zu werden – also mit weniger Schutzmauern in einer Situation oder generell in der Welt zu sein scheint die Voraussetzung für Intimität zu sein.

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Referenzerfahrungen prägen unsere Sicht auf die Welt

Kennst du das? Du bist irgendwo zum Essen, es gibt ein leckeres Gericht, aber irgendwie stimmt was daran nicht so recht. Für mich ist das z. B. bei Kartoffelsalat so. Das liegt daran, dass ich ganz genau weiß, wie meine Mama Kartoffelsalat macht – ich bin daran gewohnt und Mamas Kartoffelsalat ist für mich der Maßstab für alle Kartoffelsalate, die ich in meinem Leben essen werde.

Und ähnlich ist es auch mit vielen anderen Erfahrungen im Leben. Für viele Erfahrungen hast du eine erste oder eine intensivste Erfahrung, die dir als Vergleich, als Referenz dient.

Unsere Referenzerfahrungen prägen, wie wir unser Leben leben – wie wir unser Leben leben können und wollen.

Für vieles machen wir schon sehr früh prägende Referenzerfahrungen, z. B. was es bedeutet geliebt zu werden. Vielleicht kommst du aus einer Familie, in der sehr distanziert geliebt wird – kein Körperkontakt, wenig liebe Worte. Dann wirst du es vermutlich später schwer haben mehr Nähe zu zu lassen. Die Referenzerfahrung prägt das, was du unter „geliebt werden“ fassen kannst.

Referenzerfahrungen lassen sich aber auch aktualisieren – indem sie durch andere Erfahrungen ersetzt werden. Entweder durch regelmäßige Erfahrungen in einer normalen Intensität oder durch sehr intensive Erfahrungen.

Deine Referenzerfahrung zu „Auto fahren“ sind viele ruhige Fahrten mit deiner Familie oder mit deinem ersten Auto.
Dann – Krachbumm – Unfall. Gut möglich, dass deine Referenzerfahrung aktualisiert wurde – jetzt verbindest du mit „Auto fahren“ Bedrohung, Angst und Schmerz.

Ich bin gerade dabei meine Referenzerfahrung „mit Männern sein“ zu aktualisieren. Meine Schulzeit hat mich da stark geprägt. Vier Jahre reine Jungsklasse – permanentes Mobbing – ich als eines der populären Opfer.
Daraus resultiert, dass ich mich mit Männern oft eher unwohl fühle – und erst recht in Gruppensettings in denen nur Männer sind.
Inzwischen habe ich schon einige kleine Referenzerfahrungen „gesammelt“, die mir zeigen, dass „mit Männern sein“ sehr harmonisch, bereichernd, geborgen und unterstützend sein kann. Mein Verstand weiß bereits, dass das wahr ist, mein Nervensystem ist dabei das zu integrieren.

Ich stell mir vor, dass es ein wichtiger Schritt zu einem freien und glücklichen Leben ist, seine Referenzerfahrungen zu kultivieren.
Wenn du etwas zum ersten Mal machst (z. B. Sex, ein erster Auftritt vor Publikum, die erste große Reise), sorge dafür, dass das eine gute Referenzerfahrung werden kann – dann geht es danach leichter.
Und wenn du merkst, dass du in Lebensbereichen von bremsenden Referenzerfahrungen geprägt bist – ändere sie.
Schaff dir eine intensive positive Referenzerfahrung, bau dir langsam kontinuierliche Referenzeindrücke auf oder such dir Hilfe bei NLP- oder Hypnotherapeut_innen, die dir helfen können deine Referenzerfahrungen direkt „in deinem Kopf“ neu zu schreiben.

Falls das der erster Artikel ist, den du von mir liest, hoffe ich, dass es eine gute Referenzerfahrung ist – so dass mein Blog in deiner Realität eine gute, hilfreiche Ressource darstellt 🙂

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Egoismus zwischen Egozentrik und Selbstfürsorge

Kannst du gut für dich selbst sorgen? Mir fällt das nicht immer leicht.

Ich weiß, dass in mir Glaubenssätze sind, die dazu führen, dass ich leicht anderen was gutes tun kann und mich um sie kümmern will – mir selbst was gutes zu tun ist oft deutlich schwerer.

Wenn ich zu sehr darauf bedacht bin, dass es mir gut geht, halte ich mich für egoistisch. Und ich will kein Egoist sein.
Ich weiß, dass es da ein gesellschaftliches „Sollte“ gibt. „Du sollst nicht egoistisch sein“, „Du sollst dich um andere kümmern“, „Du sollst helfen und teilen und …“.

Tatsächlich kann das aber ganz schön problematisch sein. Falls du dich nur um andere kümmerst und nicht um dich, dann wird für dich nicht gut gesorgt. Klar kannst du dich mit Menschen umgeben, die auch fleißig immer für andere sorgen … , aber ob die wissen, was du wirklich brauchst? Vermutlich weißt du das selbst auch nicht genau.

Egoismus ist tatsächlich ein Problem, wenn es als Egozentrik gelebt wird. Wenn es immer nur um dich geht und du die Bedürfnisse und Wünsche von anderen einfach ignorierst.

Wenn Egoismus aber als Selbstfürsorge gelebt wird, ist es was sehr wichtiges.
Sei im Kontakt mit deinen Bedürfnissen, kümmere dich selbst so gut es geht um dich und bitte geeignete Menschen dir bei den Bedürfnissen zu helfen, die du selbst nicht befriedigen kannst.
Und ja – auch du hast Bedürfnisse.
Für mich war das vor einigen Jahren eine ziemlich krasse Erfahrung. Meine damalige Life-Coachin hat mich gefragt: „Sebastian, was sind deine Bedürfnisse?“
und ich: „Ähm, ich habe Bedürfnisse? Was könnte das den sein?“
Die Bedürfnisse von anderen konnte ich leicht sehen (oder zumindest konnte ich mir leicht vorstellen, welche Bedürfnisse sie haben – meine Vorstellung ist vielleicht nicht wahr gewesen) – meine eigenen Bedürfnisse waren mir jedoch komplett unklar.

Inzwischen kenne ich einige meiner Bedürfnisse:
Etwas sinnvolles zu tun; Menschen um mich herum, die ich lieb habe; Körperkontakt, Ruhe, Musik und Bewegung in meinem Leben, eine Möglichkeit zum Selbstausdruck, das Leben meiner Sexualität.
Und dann natürlich auch grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung, Gesundheit, Sicherheit, W-LAN …

Und neben dem, was du alles brauchst, gibt es auch noch Dinge, die du nicht haben willst/kannst.
Dann geht es darum Grenzen zu setzen. „Nein“ zu sagen. Mit deiner Energie haushalten. Dich nicht zu überfordern.

Wenn du selbst für dich sorgst und klar formulieren kannst, wenn du Hilfe, Unterstützung oder Fürsorge von anderen brauchst, dann ist viel leichter mit dir zu sein. Wenn du deine Grenzen klar aufzeigst und nur das gibst, was du geben kannst, dann ist leichter mit dir zu sein.

Ich neige immer wieder dazu, mich zu wenig um mich selbst zu kümmern und dann auf die Welt und mein Umfeld sauer zu sein, weil sich nicht gut genug um mich gekümmert wird. Das ist dann wirklich egozentrisch.

Erlaube dir selbstfürsorglich mit dir umzugehen.

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Ein Raum der Akzeptanz

Ich merke, dass in mir noch viele Gedanken, Bedürfnisse, Begierden, Talente, Fantastereien, Albernheiten, Abgründe, Ängste … schlummern, die ich vor der Welt verstecke.
Ich stelle mir vor, dass es den meisten Menschen so geht. Dass da was in ihnen ist, dass sie sich nicht trauen zu zeigen.

Ich habe Angst davor, dass ich abgelehnt werden könnte, wenn ich mich damit zeige. Und ich habe Angst davor, dass ich mich selbst (noch mehr) ablehnen könnte, wenn mir andere Menschen signalisieren, dass dieses Etwas, dass ich da zeige, abgelehnt werden sollte.

Im Umkehrschluss glaube ich, dass es eines der größten Geschenke sein kann, einen Raum zu haben, in dem sich offen gezeigt werden darf, ohne Ängste haben zu müssen.
Ein sozialer Rahmen, in dem sich zeigen darf, was da noch im Dunklen schlummert.
Das kann ein gute Freundschaft sein, ein Freundeskreis, ein Seminar, eine Partnerschaft, eine therapeutische Beziehung, eine spontane Bekanntschaft, ein gutes Gespräch …

Mein Blog und meine Facebook-Seite sind für mich manchmal auch ein Rahmen, in dem ich mal wieder kleine Dinge aus dem Dunklen hole und sie herzeige – oft darf ich erleben, dass die Dinge im Licht stehen dürfen.
Menschen zeigen sich verbunden, lassen manchmal selbst ähnliche Dinge aus ihrer Dunkelheit.

Ich finde es super schön, wenn mehr und mehr vom eigenen Selbst im Licht sein darf und ich glaube, dass ist auch ein Teil der Mission, die ich mit diesem Blog verfolge. Mir selbst erlauben, mehr im Licht zu sein – und anderen die Angst davor zu nehmen ins Licht zu treten.

Dazu eine schöne Anekdote:
Bei einem Seminar, dass ich besucht habe, sollten die Teilnehmer_innen überlegen welches Etwas, dass sie im Dunkeln halten, ihnen am meisten Angst macht. Und wir wurden dazu motiviert das aus zu sprechen.
Ein Teilnehmer hat mit großem Energieaufwand und krasser Überwindung mitgeteilt, dass er es genießt sich am Anus zu berühren und seinen Analbereich zu erforschen.
Als er davon erzählt hat, war es ganz deutlich sichtbar, wie sehr er sich dafür verurteilt und wie groß seine Angst war, dafür abgelehnt zu werden.
… und ich konnte nur grinsen, als er davon erzählt hat.
Glücklicherweise hat er mich gewählt um einen Reality-Check ein zu holen – also sich Feedback zu holen, ob wir ihn wirklich alle dafür ablehnen und verurteilen oder wie wir jetzt über ihn denken.
Und ich konnte ihm grinsend davon erzählen, dass ich meinen Analbereich auch voll spannend finde und als ich dann noch oben drauf erzählt habe, dass ich darüber auch schon öfter mit Freund_innen gesprochen habe und Leute motiviere diese Körperstelle auch zu erforschen, lief bei ihm alles drunter und drüber.
Statt Ablehnung und Verurteilung hat er unerwarteterweise Akzeptanz und Mitfreude entgegen gebracht bekommen. Bei ihm war große Erleichterung, ein bisschen Verblüffung, ganz viel Freude und Dankbarkeit zu spüren.

„… sorry – du hast dich voll umsonst für einen Freak gehalten.“

Lasst uns mehr Räume der Akzeptanz schaffen in denen Dinge aus dem Dunkeln hervor geholt werden können. Während sie uns im Dunkeln Angst machen, sind sie im Licht vielleicht Anlass zur Freude.

Was wartet bei dir alles im Dunkeln darauf, gesehen zu werden?

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Zwischenmenschliche Verträge

Diesen Artikel habe ich erstmals am 12. April 2014 auf meinem alten Blog veröffentlicht. 
Ich will mich aus einem anderen Artikeln auf diesen Artikel beziehen und hab ihn daher rüber kopiert. Vielleicht nehme ich mir demnächst die Zeit den Artikel zu überarbeiten.


Für die meisten Menschen (zumindest für mich) ist es schon schwer zu sagen, wer man selbst den so ist. Jedes Mal muss ich bei der Frage, wer ich bin, wieder neu nachdenken, wie ich mich gerade begreife und darstellen will.

Noch schwerer wird es oft, wenn beschrieben werden soll, in welchen Verhältnis man zu anderen Personen steht.

Wir haben Begriffe wie „Bekannte_r“, Freund_in“, „Kumpel_in“, „Kamerad_in“ – wenn es nah wird dann „beste_r Freund_in“, „Seelenverwandte_r“, – wenn Sex dazu kommt „Liebhaber_in“, „Geliebte_r“, „Affäre“ und evtl. „Partner_in“ und „Lebensabschnittsgefährte/in“.

Die Begriffe alleine reichen aber selten aus um klar zu machen, was zwischen zwei Menschen ist – was erlaubt, erwünscht, erwartet ist bzw. wird.

Praktischerweise gibt es in jeder bedeutsameren zwischenmenschlichen Konstellation einen Vertrag.
Unpraktischerweise gibt es den nicht schriftlich und es wird nur selten explizit darüber gesprochen.

Verträge, die keine_r kennt

Du hast mit jedem Menschen, der in deinem Leben eine Rolle spielt, einen zwischenmenschlichen Vertrag. Der Vertrag besagt, was zwischen euch ok und wünschenswert ist bzw. was nicht geht.

Der Vertrag regelt z. B. wie ihr euch begrüßt und ansprecht, welche Informationen und Geheimnisse ihr euch anvertraut und in welcher Form ihr Körperlichkeiten teilt.

Der Vertrag basiert in der Regel auf gesellschaftlichen Standardverträgen.
So ist es in Deutschland voll üblich sich mit leichtem Körperkontakt (in der Regel „Händeschütteln“) zu begrüßen und sich im privaten Kontext zu duzen. Über das körperliche Befinden wird sich oberflächlich ausgetauscht, das geistige Befinden wird aber nur minimal thematisiert.
Das sind die Regeln für „Bekannte“.

Für „Freund_innen“ gibt es erweiterte Standardverträge.
So ist es z. B. üblich mit Freund_innen mehr private Details zu besprechen, zur Begrüßung sind oft auch Umarmungen erlaubt und man kann sich auch kontaktieren, ohne einen speziellen Grund dafür zu haben.

Die meisten Menschen werden die klassischen Standardverträge problemlos anwenden und einigermaßen einschätzen können, wem sie was anvertrauen wollen und können.
Trotzdem ist jede zwischenmenschliche Beziehung einzigartig und anders.

Mit machen Freund_innen wirst du sehr selbstverständlich manches machen, dass du mit anderen nicht machst.
Ich habe z. B. Freund_innen, mit denen ich sehr selbstverständlich kuschle, ich habe ein paar Freund_innen, denen ich sehr sehr viel anvertraue, ich habe Freund_innen, die ich auch nackt kenne – und ich habe Freund_innen, bei denen das nicht so ist.

Die aufgezählten Beispiele übersteigen den (mir bekannten) Standardvertrag „Freundschaft“ und weisen klar darauf hin, dass da Vertragserweiterungen stattgefunden hat.
Normal passiert das dadurch, dass beide Menschen sich mal einige waren, dass es gut ist, das so zu machen, und seit dem ist es normal und erlaubt.

Vielleicht kennst du folgendes Szenario:
Aus einer Stimmung heraus oder weil ihr im Suff wart, habt ihr was gemacht, das zwischen euch so bisher nicht normal war – gekuschelt, geknutscht, sehr intensiv miteinander gesprochen. Vor dem nächsten Treffen ist unklar, wie ihr jetzt miteinander umgeht – alles wie bisher und es wird getan als wäre nichts gewesen oder aber ab jetzt ist das ok zwischen euch.
Das ist der Moment in dem sich entscheidet ob das, was zwischen euch passiert ist als Vertragsbruch ignoriert wird, oder ob der Vertrag um die Regelung erweitert wird.

Probleme durch ungeschriebene Verträge

In der Regel kennt ihr nicht den tatsächlichen Wortlaut des Vertrages sondern beide (bzw. alle) Beteiligten versuchen aus dem Verhalten auf den Vertrag zu schließen. Das funktioniert oft, macht aber manchmal ganz schön Probleme.

Gerade am Anfang der Vertragsverhandlungen ist es oft kompliziert.
„Was meinst du, steht er auf mich?“, „Soll ich sie anrufen, oder besser noch warten?!“, „Wenn er sich mir so gegenüber verhält, was heißt das dann?“
Solang sich zwei Menschen noch nicht gut kennen, kann es zu Missverständnissen über den Vertrag kommen.

Aber auch, wenn sich die beiden Menschen schon länger kennen, heißt das nicht, dass der Vertrag klar ist.
Ich war z. B. mal ziemlich erstaunt, als mich eine Freundin als ihren besten Freund bezeichnet hat – für mich war das nicht klar und es tat mir für sie voll Leid, dass ich so einen lausigen besten Freund abgegeben habe. Ich war der Meinung, dass wir nur guteFreund_innen für einander sind.

Mit einer anderen Freundin habe ich entdeckt, dass sie oft als dominant empfunden wird und einige ihrer Freund_innen davon ausgegangen sind, dass im Vertrag steht, dass gemacht wird, was sie sagt.
Sie selbst ist immer davon ausgegangen, dass im Vertrag steht, dass jede_r gleichberechtigt sagt, was er/sie gerne machen würde und sich dann auf etwas geeinigt wird.

Wenn Verträge platzen

„Du, wir müssen reden…“ – das ist ein klassischer Anfang wenn Vertrags-Neuverhandlungen anstehen.
So, wie es bisher zwischen zwei Menschen war, klappt das (vermutlich) nicht mehr.

Mir ist es bisher sehr schwer gefallen nachzuvollziehen, wieso Beziehungen in die Brüche gehen, weil jemand von beiden mit jemand anderem Sex hatte.
Wieso ist das brisant genug um die ganze Beziehung deshalb weg zu schmeißen?

Das Problem ist aber nicht, dass es sexuelle Handlungen außerhalb der Beziehung gab, sondern dass dadurch der Vertrag in Frage gestellt wird.

In den meisten Beziehungen/Partnerschaften wird der Standardvertrag „Partnerschaft“ als Grundlage angenommen. Dieser Vertrag besagt, dass man sich vertraut, eine gemeinsame Zukunft hat, sexuell exklusiv dem/der Partner_in gegenüber ist, sich die Wahrheit sagt und noch einige andere Sachen.

Da aus dem Verhalten Rückschlüsse auf den Vertrag gezogen werden, ist alles gut, solange keine Zweifel daran aufkommen, dass der Vertrag so lautet. Wird die sexuelle Exklusivität jedoch missachtet scheint plötzlich der ganze Vertrag gegenstandslos.
„Wenn du dich daran nicht hältst – woran hast du dich dann noch alles nicht gehalten?“ – Plant die/der Partner_in gar keine gemeinsame Zukunft mit mir zu verbringen? – Erzählt er/sie mir nicht immer die Wahrheit?

Weil nie im Detail über den Vertrag gesprochen wurde, gibt es plötzlich nichts mehr, dass als minimaler Kern der Zweisamkeit dienen kann. Die Zweisamkeit ist verloren.

Ähnlich ist das mit Freundschaften – z. B. wenn heraus kommt, dass hinter dem Rücken gelästert wurde oder ohne guten Grund Hilfe verwehrt bleibt.
Ohne das jemals explizit ausgemacht zu haben, wird angenommen, dass das gilt. Wird diese Annahme verletzt, ist die Freundschaft dahin.

Verträge explizit machen

Der einfachste (und gleichzeitig ziemlich komplizierte) Weg um zu vermeiden, dass Verträge platzen und sich zwei Menschen plötzlich nicht mehr miteinander vertragen (hust vertrag|en) ist es wohl Verträge explizit zu machen.

Nur wenn ausdrücklich darüber gesprochen wird, was erlaubt, erwünscht, erwartet ist/wird, kann vermieden werden, dass es zu bösen Missverständnissen kommt.

Das kann besonders dann nötig sein, wenn es akute Unsicherheit über den Vertrag gibt.
So habe ich mich z. B. mit einer Freundin zusammengesetzt, in die ich mich verliebt hatte, um zu besprechen, wie wir das miteinander machen. Für mich war klar, dass ich mir eine Beziehung mit ihr vorstellen könnte – aus ihrem Verhalten war nicht eindeutig zu erkennen, ob sie das genau so sieht. Also habe ich mit ihr besprochen, was ich mir vorstellen kann und sie hat mir gesagt, was sie sich vorstellen kann.
Daraus ist eine geschärfte Neufassung unseres Vertrags hervor gegangen.

Bisher habe ich noch wenig Erfahrung damit Verträge explizit zu machen, aber an sich fände ich es spannend auch in vermeintlich klaren zwischenmenschlichen Beziehungen darüber zu sprechen, wie wir uns das vorstellen. Vielleicht kann dadurch Frust vermieden und neue Potentiale entdeckt werden.
Stell dir vor, ihr erkennt, dass ihr beide gerne noch intensivere Gespräche führen, dass ihr gerne im Rahmen der Freundschaft miteinander knutschen würdet (ohne, dass es schräg wird) oder dass ihr einander viel mehr bedeutet, als bisher klar war.

Vorsicht bei Sonderverträgen

Neben den gesellschaftlichen Standardverträgen gibt es noch ein paar Alternativ-Entwürfe. Wenn du dein Leben auf solchen Entwürfen aufbaust tust du dir und den Menschen, mit denen du eine Verbindung aufbauen willst, vermutlich einen Gefallen explizit darüber zu reden.

Einfaches Beispiel:
Du willst polyamor lieben. Das heißt, dass u. a. sexuelle und emotionale Exklusivität keine Vertragsgegenstände des Standardvertrags „Partnerschaft“ sind.
Wird darüber nicht explizit gesprochen kann es zu ziemlichen Verwirrungen kommen.

Wie klar sind dir die Verträge, die du mit Menschen geschlossen hast?
Gibt es Verträge, mit denen du unzufrieden bist?

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Welchen Sex willst du?

Ich bin noch sehr dabei für mich heraus zu finden, was guten Sex ausmacht und wie ich Sex leben will.

Mir wurde vermittelt, dass es drei grobe Kategorien gibt, mit welchem Wunsch man Sex haben kann. Ich finde es spannend, mit diesen Kriterien auf den Sex, den ich hatte und haben will blicken und hab den Eindruck, dadurch ein besseres Gespür zu bekommen, was sich stimmig anfühlt.

Vielleicht sind die Kategorien für dich auch spannend. Falls du noch weitere kennst, lass es mach wissen.

Roleplay-Sex / Fantasie-Sex

(Diese Weise Sex wurde mir auch als „Spectating“ – zu deutsch „Zuschauen“ vermittelt.)
Hier geht es darum, die eigenen Fantasien auszuleben. Um es auf den Punkt zu bringen: Du bist Hauptdarsteller_in in deinem eigenen Porno. 

Beim Fantasie-Sex ist der Fokus darauf, wie es wohl von außen aussieht oder wie geil es ist, diese Fantasie auszuleben. Rollenspiele können hier toll sein, Spiegel können das Ganze unterstützen. Viel der Lust entsteht hierbei im Kopf.

Ich habe schon ein paar Fantasien ausgelebt und merke, dass Fantasie-Sex sehr sehr anregend sein kann – bei mir war jedoch meistens die Fantasie toller, als die Umsetzung.
Ich denke, dass Masturbation oft in diese Kategorie fällt – zumindest dann, wenn sie durch Fantasien, Pornos oder Sex-Geschichten inspiriert ist. Die Lust entsteht im Kopf.

Körpergefühl-Sex

Hier geht es darum die Körperempfindungen beim Sex zu genießen. Wie fühlt sich das an, was gibt es hier zu spüren. Das kann was sehr verbindendes sein, muss es aber nicht. Es reicht, wenn der Körper des_der anderen einfach da ist.

Beim Körpergefühl-Sex geht der Fokus eher nach innen, auf die eigenen Empfindungen.

Verbundenheits-Sex

Hier ist Sex der Ausdruck der Verbundenheit zur anderen Person.
„Wir haben Sex, weil wir uns so nah fühlen.“

Beim Verbundenheits-Sex geht es nicht in erster Linie darum, was gerade physisch passiert. Es ist mehr ein Ausdruck der emotionalen Landschaft zwischen uns.

Und welcher davon ist jetzt der beste Sex?

Jede der Kategorien hat ihre Berechtigung und in unterschiedlichen Stimmungen und Lebensphasen wirst du auf unterschiedliche Weise Sex haben wollen.
Ich glaube wichtig ist nur, sich selbst darüber klar zu machen, was gerade passt und im besten Falle mit der/m aktuellen Sexualpartner_in zu kommunizieren, was gerade an steht.

Wenn du dich nach Verbundenheits-Sex sehnst, und die anderen Person will, dass du im als Krankenschwester den Hinter versohlst, kann sich das vermutlich sehr verlassen anfühlen.

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Die Realität ist eine Illusion

Es gibt zwar die Realität – doch das, was ich für die Realität halte gibt es nicht, das ist nur eine Illusion.

Ich bin garnicht in der Lage die Realität zu sehen.
Wenn ich den Blick durch mein Zimmer streifen lasse, dann sehe ich ein Bett, dann sehe ich Wände, dann sehe ich einen Holzboden.
Tatsächlich ist das aber alles nicht da. Ich kann kein Bett sehen – im besten falle kann ich erkennen, dass dort farbige Flächen sind – aber selbst die Farbe ist nicht real.

Alles, was ich durch meine Augen oder einen meiner anderen Sinne aufnehme, wird in meinem Gehirn verarbeitet – mit Bedeutung versehen, erklärt, eingeordnet.
Ich kann nur deshalb ein Bett sehen, weil ich mir ein Begriff von einem Bett gemacht habe. Ich weiß, wie sowas aussieht und erkenne es wieder, wenn ich dieses Ding da in meinem Zimmer sehe.

Genau so ist es mit all den anderen Dinge und Nicht-Dingen, die ich für einen Teil der Realität halte.
Ich kann nur das wahrnehmen, was mein Gehirn aus dem gemacht hat, was meine Sinnesorgane „empfangen“ haben.

Und auch das kann ich nicht. Gehirne sind super gut darin Dinge zu generalisieren. Schon sobald mein Gehirn erkannt hat „das ist wohl ein Bett“ interessiert es sich schon garnicht mehr weiter dafür.
Ein Label ist gefunden, es ist an das Ding angeheftet, fertig.

Mir wurde beigebracht, dass der entwicklungshistorisch älteste Teil unserer Gehirne – das sogenannte Reptiliengehirn – nur drei Fragen kennt: Wird es mich töten? Kann ich es essen? Kann ich Sex damit haben?
Wenn drei mal „nein“ kommt – dann ist es keine Gefahr – dann kann es generalisiert werden.

Auch in menschlicher Interaktion gibt es keine Realität. Ich kann Menschen nur durch die Generalisierungen durch sehen/wahrnehmen/verstehen, die mein Gehirn gelernt hat anzuwenden.
Solche Generalisierungen können in Form von Glaubenssätzen aufspürbar sein.

„Alle wollen mich immer übers Ohr hauen“, „Männer wollen immer nur das eine“, „Ich bin wertlos“.

Wenn Glaubenssätze/Generalisierungen unsere Sicht vernebeln, sehen wir die Welt, wie sich unser Verstand die Welt zusammen reimt – nicht wie sie ist.
Und tatsächlich können wir die Welt garnicht so sehen, wie sie ist.

Die Realität ist eine Illusion und wenn wir uns über „wahr“ und „falsch“ streiten, dann streiten wir uns nur darüber, ob meine Illusion oder deine Illusion besser ist.

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